Mehrwert statt Müll! – »Sustainable Packaging 2012«

Vertreter aus Handel, Industrie und Beratung tagten am 14. und 15. Juni in Köln bei der Euroforum Konferenz Sustainable Packaging 2012 über die Anforderungen an nachhaltigere Verpackungen. Denn an ihr entscheidet der Konsument, wie nachhaltig ein Unternehmen für ihn ist. Firmen begreifen sie als zentrales Kommunikationsmedium, bei dem zur Bewertung auch immer das gesamte Verpackungssystem betrachtet werden muss zusammen mit dem Inhalt.

Denn Produkte und Dienstleistungen müssen in Zukunft mit geringerem Einsatz von Ressourcen und weniger Auswirkungen auf die Umwelt für eine wachsende Bevölkerung zurecht kommen. So präsentierte Euroforum neben Best-Practices Ökobilanzen, Prozessketten, Materialien, Recyling, umweltfreundliche Gestaltung und Trendszenarien künftiger Verpackungen.

Der Weg zur mehr Nachhaltigkeit ist ein Prozess

Eins vorab: DIE nachhaltige Verpackung gibt es nicht – nur eine nachhaltigere!

Einigkeit herrschte bei allen Beteiligten darüber, dass bei Bewertungen immer das gesamte Verpackungssystem komplett betrachtet werden muss – in Verbindung mit dem verpackten Produkt. Daraus resultiert das Bestreben, Nachhaltigkeit messbar zu machen und die Suche nach entsprechenden Mess-Systemen.

Die Verpackung dient in erster Linie zum Schutz des Inhalts und schützt somit durch Verpackung Werte. Schwierigkeit ist: Die Konsumenten sind nach vor nicht bereit, für nachhaltigere Produkte mehr zu zahlen. Ihre Kaufentscheidungen gelten nach wie vor als emotiv und viele Verpackungen werden oft nicht als nachhaltig wahrgenommen.

Glas beispielsweise hat im Getränkebereich ein hochwertigeres Image als PET, Kunststoffe gelten weniger umweltfreundlich als Papier, elektronische Kommunikation »grüner« als Papier – ungeachtet von Hintergründen wie Green IT, Art der Nutzung, Materialherkunft, Produktlebenszyklus und mehr.

Transparenz versus Wettbewerb – Forderungen nach Regeln

Viele Erkenntnisse (bezogen auf die Herkunft der Materialien, die jeweiligen Produktions- und Lieferketten) stellen oft das Entwicklungseigentum der miteinander im Wettbewerb stehenden Unternehmen dar. Verständlicherweise wird die Forderung nach Transparenz und Messbarkeit der Life Cycle Assessments und Ökobilanzen schwierig. Denn DIE Datenbank mit Messwerten, die Materialien, Produkte, Herstellung und Lebenszyklen klar verständlich abbildet und für alle zugänglich macht, gibt es nicht. Allerdings existieren Umweltstandards staatlicher oder nichtstaatlicher Organisationen als anerkannte Regeln und Siegel (beispielsweise »Blauer Engel«).

Im Bereich der Chemikalien kann zur Orientierung eine »Kandidatenliste«  nach der REACH-Verordnung helfen (beispielsweise bei Weichmachern und Schwermetallen). In Ansätzen existieren firmeneigene Systeme (wie sie beispielsweise real,- für seine Hausmarken aufbaut) und die Forderung nach Regeln aus der Politik, die für Ordnung sorgen soll. Einige Verordnungen stehen in Zukunft bevor, z.B. mit der Einführung der Wertstofftonne und der Revision des Verpackungsgesetzes Ende 2013.

Ökobilanzen oder Life Cycle Assessments (LCA), Prozesskettenanalysen machen es möglich, Lebenszyklen von Produkten im Hinblick auf deren Umweltauswirkungen sowie eine transparente Darstellung der daraus resultierenden Ergebnisse zu analysieren. Als leichtester »Einstieg in die komplexe Welt des ökologischen Fußabdrucks« für vergleichbare Werte bietet sich momentan der CO2-Footprint an.

Messbare Faktoren im Verpackungsbereich (Auswahl)

  • weniger Verbrauch von Ressourcen (beispielsweise durch optimierte Materialien, clevere Materialkombinationen und der Einsatz nachwachsender Materialien, wobei Landnutzung wieder ein neues Thema darstellt (»Peak Soil« – Endlichkeit von Agrarland)
  • weniger Abfall (z.B. durch Wiederverwendung und Recycling)
  • weniger Emission durch strengere Kontrollen beim Product Carbon Footprint und geschlossene Wasserkreisläufe
  • weniger Schadstoffe (z.B. durch Phthalatfreie Systeme – dieser Stoff spielt in der Kunstharz- oder Kunstfaserherstellung eine Rolle).

Vielfältige Ansätze und Interessen

Es gibt eine Reihe von Ansätze, diese in Produktion und Handel zu bringen: Erwartungsgemäß stellten die jeweiligen Hersteller als Dienstleister bei den Best-Practice ihre Technologien, Materialien und Services in den Vordergrund – bezogen auf Verpackungsmaterialien wie beispielsweise Metall, Aluminium, Glas, Papier und Kunststoffe sowie verschiedene Kombinationen (auch aus nachwachsenden Rohstoffen) sowie deren Sammlung und Rezyklierbarkeit (mit Upcycling als Optimum).

Auch ist nachvollziehbar, dass für den Handel das Thema Wiederverwertung bezogen auf die Produkte weniger im Fokus steht als bei Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf der Wiederaufbereitung der Verpackungen basiert. Wäre da noch der Konsument mit seinen Erwartung an eine Verpackung (usable, convient, intelligent, ansprechend, leicht zu öffnen und schließen, schützend, verständlich, usw.).

Verpackungsentwickler und Designprozesse – ein Praxiseinblick

Die Konferenz bot einen kleinen Einblick in die Designprozesse des Verpackungsentwicklers Lothar Böhm. Die Hamburger entwickeln in enger Abstimmung mit ihren Abteilungen Technik, Produktion, Marketing und Design Verpackungen. Thema war der Entwurfsprozess einer Spirituosen-Verpackung im Duty-Free Bereich: Neben üblichen »praktischen«, handelsbezogenen Ansprüchen an Verpackungen wie Schutz der Ware, Stapelbarkeit, Materialauswahl, Kosten, Produktion und »emotionalen« (Markenimage und Verpackung als »stiller Verkäufer« usw.) wurden Fragestellungen aufgezeigt zu Logistik, Energie- und Materialeinsätzen, Gebrauch und anderem. Beispielsweise Minimierung teurer Transporte der Leerhüllen eines global hergestellten Produkts (durch Zerlegbarkeit oder teleskopartig ineinandersteckbarer Elemente).

Macht es mehr Sinn, Verpackungsmaterialien intelligent zu reduzieren (durch Ausstanzen, Verdünnen, Materialmischungen, etc.)? Setze ich neue Werkstoffe ein (beispielsweise LiquidWood®?) oder lege ich eine Mehrfachnutzung an?

 

Ausblick auf zukünftige Verpackungen

Fest steht: Produkte und Dienstleistungen müssen mit geringerem Einsatz von Ressourcen (darunter auch Energie) und weniger Auswirkungen auf die Umwelt zurecht kommen. Eine konventionelle Lösung liegt in einer Effizienzsteigerung (um der Ressourcenknappheit entgegenzuwirken), weitere Ansätze sind Mehrfachnutzung, geschlossene Kreisläufe und Umdenken im gemeinschaftlichem Konsum als Wert.

Ein Ansatz dazu besteht beispielsweise im Ausbau der gemeinsamen Nutzung von Gütern und Dienstleistungen (»Sharing« und »Collaborative Consumption«) und Services, wie beispielsweise das Contracting einer Waschmaschine statt eines Kaufs oder andere Service-Dienste der Lösung »Kunde braucht saubere Wäsche«. Manchmal nehmen Konsumenten selber eine aktivere Rolle ein und werden zu Produzenten (»Prosumenten«). Auch der Abfall wird mehr und mehr Ressource werden, teils wird »entrümpelt« (»weniger ist mehr«), individuelle, virtuelle Handels- und Informationsplattformen wachsen. Bereits etabliert sind beispielsweise Barcode-Scanner-Systeme, aber auch da zu beachten sind Energie, Rohstoffe und Material.

Die Euroforum-Konferenz bot gute Einblicke in die Komplexität der Verpackungswelt, man lernte unterschiedliche Ansätze und Themen kennen, Gemeinsamkeiten wie Unterschiede. Ich bin mir sicher, die renommierte Unternehmensgruppe wird diese neue Reihe fortsetzen, der Dialog um die Wege zur nachhaltigeren Verpackung geht weiter. (nr)

Weiterführende Links

Euroforum Sustainable Packaging Konferenz

Referenten

Henkel Arbeitsgruppe »Qualität und Sicherheit verpackter Lebensmittel«

SPREAD – Sustainable Lifestyles 2050

Scenarien des SCP-Centers

BASF Ökoeffizienz-Analyse

Lothar Böhm Verpackungsdesign

REXAM Sustainability

Bundesverband Glasindustrie

Heidelberger Druckmaschinen, erster Hersteller mit klimaneutral gestellter Druckmaschinen-Baureihe ab Werk.

Real,- Schutz von Umwelt und Ressourcen

Global Packaging Project (GPP) Erste Ergebnisse des »Global Protocol on Packaging Sustainability 2.0« werden Ende 2012 erwartet.

TetraPak Umwelt

PWC UK Sustainable Packaging – myth or reality

Duales System Deutschland

Innovia Films und Sappi Europe, Algro Nature (kompostierbarer, flexibler Papier-Folien-Verbund aus nachwachsenden Rohstoffen)

Nachtrag: Diesen Artikel habe ich Ende Juni 2012 auf der Webseite der Allianz Deutscher Designer (AGD) veröffentlich. Ich habe die Gelegenheit, für meine (Design-)Kollegen von dieser Konferenz zu berichten, gern wahrgenommen. Bis zum Webseiten-Relaunch (2.2.2015) war dieser Artikel  dort abrufbar. Nun ist das nicht mehr der Fall, was ich schade finde. Ich denke, daß viele Inhalte und Fragestellungen heute aktueller sind denn je und wünsche meinen Lesen hier eine anregende Lektüre.

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